Wo warst du am… 9./10. November 1989?

In den letzten Tagen und Wochen werden wir ja von allen medialen Seiten mit den Ereignissen der Wendetage im Herbst ‘89 förmlich erschlagen. Heute am 9. November höre ich bei SWR1 nichts Anderes als Geschichten nach dem Motto “Was haben Sie am 9. November ‘89 erlebt?” Am 9.11.89 war ja eigentlich gar nichts Besonderes los. Ich hatte kurz zuvor mein Volo in Niederbayern beendet und war wieder für eine Woche in meiner Heimat in NMS. Das Politbüro der DDR war wenige Tage zuvor geschlossen zurück getreten, ein Reisegesetzentwurf war irgendwie so – ja, in Planung, alles sprach noch von der riesigen Demonstration am Alex vom 4. November. Um 19:00 war die hinreichend bekannte PK mit Günter Schabowski beendet, und die hat doch irgendwie niemand richtig wahr genommen. Es war ja nicht so, wie heute viele glauben, dass nach dieser “Verkündigung” alles zu den Grenzübergängen gestürmt ist.

Ich schaltete an jenem Tag um kurz nach 19 Uhr den ARD-Videotext ein. Die Seite 100 sah am 9. November 1989 gegen 19.30 Uhr irgendwie anders aus. Es war eine leere Seite, auf der in gelber Schrift nur eine Zeile blinkte: “Die Mauer ist offen!” Aber wie gesagt – außer ein paar Verkündigungen im DDR- und Westfernsehen war eigentlich nichts Großartiges los.

Aber das für mich eigentlich Prägende des drauffolgenden Tages: ich hatte einen Termin zur Musterung! Man wollte mich trotz fortgeschrittenen Alters zum Wehrdienst einziehen. So habe ich mich morgens um 6 Uhr des 10. November mit dem Fahrrad nach Kiel begeben, um mich mit meinem lädierten Rücken und wackeligem Kreislauf für wehrdienstuntauglich erklären zu lassen. Ich hatte auf der Radtour ein Radio dabei, Stimme der DDR auf 179 kHz. Das Programm war überwältigend – Live-Reportagen, bei DDR-Sendern schon mal was ganz Ungewöhnliches! Aber Live-Reportagen von Grenzübergängen, sowohl von Ost- als auch von West-Seite? Wie jetzt? Staumeldungen… Nanu? Verkehrsfunk auf “Stimme der DDR”? Gabs sonst früher nur im kleinen Stil bei Radio DDR 1.
Entsprechend euphorisch kam ich trotz bevorstehendem Musterungstermin in Kiel an. Diese Euphorie legte sich dann aber ganz schnell nach der Ankunft im Kreiswehrersatzamt Kiel, damals noch in der Küterstraße. Man stelle sich vor: die ganze Welt liegt sich weinend und feiernd in den Armen, und dort in den Bundeswehr-Diensträumen? Eine geisterhafte Totenstille, das Personal lief dort nur mit muffeligen Gesichtsausdrücken herum, es lag gedrückte Stimmung in der Luft. Offensichtlich verstand man, dass in der vergangenen Nacht ein Feindbild in die Grütze gegangen ist. Gegen wen soll man denn jetzt noch Krieg führen oder zumindest verteidigungsbereit bleiben? Die Verteidigungs-Propagandaflyer von damals zeigen ja nichts Anderes als Mauer, Stacheldraht und Grenzopfer – und gegen so etwas muss man sich ja verteidigen! Und das war nun alles dahin…
Na ja, kurz und gut – ich wurde für wehrtauglich erklärt, und im Februar 1990 in der Grundausbildung habe ich noch während einer Geländeübung einen “Kriegsspiel-”Auftrag mitbekommen, bei dem NVA-Truppen nahe Trittau stehen und Richtung Bad Segeberg vorrücken, und die sollte meine Einheit zurück schlagen – dies zu einer Zeit, als längst die ersten Vereinigungsbestrebungen im Gange waren! Und noch im März 1990 durften Geheimnisträger der BW (man nannte sie glaube ich S2- oder S3-Offiziere) überhaupt nicht oder nur nach eingehender Prüfung in die Noch-DDR einreisen.

Aber zurück in die Zeit November/Dezember 1989. Fast jeder Nachrichten-Tag begann mit den Meldungen, welche neuen Grenzübergänge geöffnet wurden. Als am 22. Dezember 1989 quasi als Weihnachtsgeschenk an Berlin das Brandenburger Tor eröffnet wurde, war die Bundeswehr schwer beleidigt, dass sie dort nicht mit Musik und Tschingderassassa durchmarschieren durfte. Die Provokation gegenüber der DDR wäre dann doch zu groß gewesen.
Und ich kann mich erinnern, dass ich ein einziges Mal während der Wendezeit auch feuchte Augen der Rührung bekam. Das war, als Wolf Biermann am 1. Dezember 1989 das erste Mal nach 13 Jahren wieder im Osten auftreten durfte. Sein Konzert in einer eiskalten Messehalle in Leipzig war sehr bewegend. Es wurde sowohl im DDR-Fernsehen als auch in der ARD live gesendet.

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